Schüchtern, hochsensibel oder introvertiert? Wie Labels helfen – und einschränken können

Eine Psychologin hat mir mal in der allerersten Sitzung gesagt, ich sei hochsensibel. Das fand ich so übergriffig, dass ich keine weiteren Termine mehr mit ihr in Anspruch genommen habe. Dieses Label hat mir Bauchschmerzen bereitet.

Dennoch hat es einen Prozess angestoßen. Ich habe mich doch irgendwann mit dem Thema beschäftigt. Und je mehr ich darüber las, desto größer wurde meine Erleichterung. Denn ich sah so viele meiner Eigenschaften, die ich zuvor für „nicht normal“ oder zumindest „nicht förderlich“ gehalten hatte, nun aus einer anderen Perspektive. Das intensive Wahrnehmen der Gefühle anderer Menschen und meiner eigenen. Die hohe Empfindlichkeit gegenüber Lautstärke. Mein Bedürfnis, viel Zeit alleine zu verbringen. Das alles sollten keine Schwächen sein, sondern einfach okay? Und so geht es auch anderen? Vor allem die Erkenntnis, damit nicht alleine zu sein, hat mich damals sehr erstaunt.

Wie Labels helfen können

Diese Erleichterung, Labels wie hochsensibel, schüchtern oder introvertiert zu haben, kennen viele Menschen. Sie können uns Orientierung geben, wenn wir unsicher sind. Sie ermöglichen uns, unsere Eigenschaften neu zu bewerten: als okay. Und dementsprechend unser Selbstvertrauen zu stärken und einen ganz neuen Blick auf unser Leben und unsere Bedürfnisse zu gewinnen. Mit der Zeit können wir uns dann vielleicht sagen „Ich darf mir Zeit für mich alleine nehmen“ und „Ich darf früher gehen, wenn es mir nicht mehr guttut“ statt „Ich sollte mich einfach überwinden“ und „Jetzt kann ich doch nicht einfach gehen“.

Labels ermöglichen uns auch, Gleichgesinnte zu finden und uns mit ihnen auszutauschen, zum Beispiel in entsprechenden Gruppenangeboten online oder vor Ort. Manchmal genügt auch einfach das Wissen (und das bewusste Immer-wieder-Vergegenwärtigen), mit etwas nicht alleine zu sein, um sich selbst mehr wertzuschätzen und weniger zu verurteilen.

Hochsensibel, introvertiert, schüchtern – was heißt das eigentlich?

Mir ist wichtig zu sagen, dass Hochsensibilität und Introversion keine „Diagnosen“ sind, sondern schlicht Persönlichkeitsmerkmale. Schüchternheit kann ebenfalls angeboren sein, sich aber auch im Laufe des Lebens entwickeln – zum Beispiel durch Erfahrungen, in denen wir uns abgelehnt gefühlt haben. Oder sie kann eine Mischung aus beidem sein. Sehr starke Schüchternheitssymptome können Überschneidungen mit einer „sozialen Angststörung“ (oder „sozialen Phobie“) haben. Meine persönliche Haltung ist, dass wir auch die Schüchternheit nicht überwinden müssen, sondern annehmen dürfen.

Was bedeuten diese Begriffe eigentlich genau? Hier eine kurze Übersicht ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Alle dieser Merkmale stellen ein Spektrum dar und können sich in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich zeigen. So können Menschen beispielsweise im Berufsleben keine Anzeichen von Schüchternheit zeigen, während sie beim Dating eher gehemmt sind (und umgekehrt).

  • Hochsensibilität bedeutet, dass Reize wie Licht, Lautstärke oder Gerüche stärker verarbeitet und Gefühle und Empfindungen intensiv wahrgenommen werden. Das kann zu einem erhöhten Rückzugs- und Ruhebedürfnis führen.
  • Introvertiert sind Menschen, die überwiegend in der Ruhe und im Alleinsein Energie tanken, während es sie eher Energie kostet, im Kontakt mit anderen Menschen zu sein.
  • Schüchternheit beschreibt eine Zurückhaltung anderen Menschen gegenüber. In ausgeprägteren Formen geht sie mit starker Angst und Scham einher. Dann werden soziale Situationen häufig vermieden, um sich vor diesen Gefühlen zu schützen.

Klare Grenzen gibt es hier also nicht. Das Rückzugsverhalten findet sich zum Beispiel in allen drei Beschreibungen. Und manchmal ist es nicht so einfach auseinanderzuhalten, ob wir uns gerade wegen einer Reizüberflutung, zu viel Kontakt mit anderen Menschen oder aus einem Angst- oder Schamgefühl heraus zurückziehen. Vermutlich ist es bei vielen Menschen eine Mischung. Die Kombinationen sind vielfältig – und manchmal auch unerwartet, beispielsweise können auch extrovertierte Menschen schüchtern sein („Ich wäre gerne unter Leuten, aber ich traue mich nicht“).

Persönlichkeit oder Schutzmechanismus? Die Rolle des Nervensystems

Wie können wir unterscheiden, ob ein Verhalten unserer Persönlichkeit entspricht oder ob ein Schutzmechanismus anspringt? Und welche Rolle spielt unser Nervensystem dabei?

Fährt unser Nervensystem hoch und meldet Gefahr, fühlen wir uns ängstlich. Wir spüren Unruhe im Körper und wenn es zu viel wird, sehen wir keine Wahlmöglichkeiten mehr und sagen vielleicht kurzfristig die Weihnachtsfeier ab – obwohl wir eigentlich gerne hingegangen wären. Nach der Absage spüren wir erstmal eine kurze Erleichterung, doch hinterher geht es uns schlecht. Oder wir zwingen uns, hinzugehen und kämpfen uns irgendwie durch, indem wir versuchen, uns so zu verhalten, wie es (vermeintlich) erwartet wird. Wir passen uns an und sind nicht wir selbst. Danach sind wir erschöpft und bereuen eventuell sogar, dass wir teilgenommen haben. Das Vermeiden und das Durchkämpfen sind Beispiele für Schutzmechanismen, die unser System automatisch einsetzt, um mit Überforderung und wahrgenommener Bedrohung umzugehen. Daran ist nichts falsch.

Wenn wir ein tiefes inneres Wissen haben für das, was wir brauchen und was uns wichtig ist, können wir irgendwann ganz selbstverständlich anderen mitteilen, dass wir gerade Rückzug brauchen und einen Termin absagen. Oder mit Freude den Geburtstag einer Freundin feiern oder einen Vortrag zu unserem Herzensthema halten. Wir tun das, weil es uns wichtig ist – auch wenn wir vielleicht aufgeregt sind oder Angst haben. Dann ist unser Verhalten im Einklang mit unserer Persönlichkeit und unseren Werten. Mit steigender Regulation im Nervensystem sind wir immer mehr in der Lage, uns denkend, fühlend und spürend mit uns selbst zu verbinden.

Möglicherweise verurteilen wir uns anfangs noch dafür oder haben Schuldgefühle, wenn wir unseren Bedürfnissen und Werten entsprechend handeln. Vor allem, wenn wir uns oft angepasst haben. Doch je mehr wir diesem inneren Wissen folgen, desto größer wird unser Vertrauen und desto besser fühlen wir uns mit unseren Entscheidungen.

Wenn Labels zu Selbstbildern werden: ein persönliches Beispiel

Labels können zu Selbstbildern werden – zu der Art, wie wir uns selbst sehen und definieren. Ich habe mir selbst lange den Stempel schüchtern aufgedrückt. In mir hatten sich die Sätze „Ich bin schüchtern“ und „Ich bin ein ängstlicher und unsicherer Mensch“ eingebrannt. Diese Überzeugungen wurden Teil meiner Identität. Ich habe sie nicht mehr hinterfragt, auch wenn sie mich klein gehalten haben. Meine schüchternen, ängstlichen Anteile haben mich ganz automatisch so sehr bestimmt und vor potenziell gefährlichen Situationen beschützt, dass andere Facetten von mir kaum noch zum Vorschein kommen konnten.

Ich dachte lange, ich könne auf gar keinen Fall eine Website veröffentlichen, weil ich zu schüchtern bin. Und irgendwann tat ich es doch. Ich stellte meine Website online. Ich schrieb Blogartikel. Ich zeigte mich auf meine Art und Weise. Denn das, was ich damit erreichen wollte, wurde mir wichtiger, als an dem Label und dem „Ich kann das nicht“ festzuhalten. Inzwischen frage ich mich: Bin ich wirklich noch (so) schüchtern?

Vielleicht wird ein Teil von mir immer schüchtern sein. Aber dieser Teil bestimmt nicht mehr mein Leben, sondern hilft mir sehr zuverlässig dabei, mein Rückzugsbedürfnis regelmäßig zu erfüllen und Grenzen zu setzen.

Fragen zum Reflektieren, Spüren & Notizen sammeln

Ich möchte dich gerne dazu einladen, deine Labels und Selbstbilder immer wieder sanft zu hinterfragen. Dich nicht selbst in Schubladen zu zwängen, in die du vielleicht gar nicht hineinpasst. Denn das, was du dir über dich selbst erzählst, ist nur ein Teil von dir neben vielen anderen. Möglicherweise stimmt es nicht. Oder nur manchmal oder nur in bestimmten Lebensbereichen.

Vielleicht möchtest du immer öfter aus dem So bin ich eben aussteigen und stattdessen eine neugierige Haltung kultivieren.

Wenn du magst, kannst du in deinem Alltag neugierig auf kleine Momente sein, in denen du deinem eigenen Bild von dir nicht entsprichst. In denen du anders handelst oder dich anders fühlst als erwartet. Sammle solche überraschenden Augenblicke und notiere sie dir. Nimm bewusst wahr, wie du dich damit fühlst. Welche Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und inneren Bilder kommen bei dir auf, wenn du an diese Momente denkst?

Eine weitere Einladung ist, den Fokus von den Labels wegzunehmen und stattdessen deine Werte und Bedürfnisse zu erkunden. Also nicht zu fragen „Wie/was bin ich?“, sondern: Was ist dir wirklich wichtig? Was macht dir Freude? Was gibt dir Energie? Was brauchst du?

Falls du dir dabei Unterstützung wünschst, begleite ich dich gerne. Hier kannst du ein kostenfreies Kennenlerngespräch mit mir vereinbaren.